Land, mein Land, wie leb ich tief aus dir! Leben und Wirken von Ursula Haverbeck

Land, mein Land, wie leb ich tief aus dir! Leben und Wirken von Ursula Haverbeck

Autor: Michael P.

Reue ist keine allzu deutsche Empfindung und man tut gut daran, sich nicht übermäßig von ihr ausbremsen zu lassen. Manchmal im Leben ergeben sich aber Versäumnisse, die man dann doch bereut. Für mich ist es die verpasste Gelegenheit vor einigen Jahren, Ursula Haverbeck einmal persönlich bei einem Vortrag zu erleben. Mir war die Anreise zu umständlich, der Termin passte nicht gut und ich dachte, das würde sich bestimmt noch einmal ergeben. Es hat sich gezeigt, dass diese Chance kein zweites Mal kam und so war meine Lektüre ihrer Biographie auch ein wenig von diesem Gedanken geprägt.

Der Sturmzeichen-Verlag hat sich der wichtigen aber auch schwierigen Aufgabe gestellt, der großen Dame des deutschen Nationalismus ein literarisches Denkmal zu setzen. Dieses ist – das sei vorangestellt – in Teilen fragmentarisch. Eine Sammlung ganz unterschiedlicher Texte von Ursula Haverbeck selbst, vom Herausgeber und aus anderen Quellen. Und auch wenn so kein einheitlicher Lesefluss entsteht, spiegelt diese Heterogenität doch auch das bewegte und von Umbrüchen geprägte Leben Ursula Haverbecks treffend wider.

Anhänger und Gegner begehen gleichermaßen den Fehler, ihr Wirken auf die eine zentrale Fragestellung zu reduzieren, die im Kern ihres Dissidententums in den letzten Lebensdekaden stand, für die sie bekanntlich die ganze Härte der Strafverfolgung tapfer erduldet hat. Doch ist ihre Geschichte viel abwechslungsreicher als nur jenes prominente letzte Kapitel, das in dem Buch auch nur eine implizite Rolle einnehmen kann und die eigentliche Kontroverse aus naheliegenden Gründen umschiffen muss. Eindrucksvoll erfährt der Leser, wie die Kindheit und Jugend der 1928 Geborenen verlaufen ist. Vom beruflichen Aufstieg ihres Vaters im Reichs-Arbeitsdienst, den damit verbundenen zahlreichen Umzügen innerhalb des deutschen Reiches, den Kriegsjahren in Westpreußen und der Flucht vor der roten Armee. Nach dem Krieg lebt und arbeitet sie unter anderem in Schweden und England. Länder, die sie sich ganz urtümlich erwandert oder mit dem Fahrrad in langen Sommern erschließt. Mit großer Aufgeschlossenheit, Neugierde und tiefer Naturverbundenheit führt sie ein Leben, das geprägt ist von Autonomie, Lebensfreude und dem Wunsch nach Erkenntnis.

Als sie später in Marburger Studientagen ihren deutlich älteren Ehemann trifft, tritt ein weiteres Motiv auf den Plan – die Suche nach dem Göttlichen. Beide Eheleute eint dieses Interesse an gelebter Religiosität. Auf zahllosen Reisen gehen sie dieser Passion nach und scharen schon früh Gleichgesinnte um sich, die ebenfalls den Drang nach einem alternativen, sinnerfüllten Leben verspüren. Hierin liegt auch die Keimzelle des Collegium Humanum, welches später bekanntlich vom Bundesinnenminister Schäuble nach einer jahrelangen politischen Kampagne verboten worden ist. In den ersten Jahrzehnten erfreute sich das CH aber teils noch staatlicher Förderung und war eine lebhafte Begegnungsstätte, in der Menschen sich mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigte haben. Ökologie, nachhaltige Landwirtschaft und Nahrungsproduktion waren beispielsweise solche Felder, mit denen sich Ursula Haverbeck und ihre Mitstreiter sich schon in den Siebzigern intensiv und auch sehr praktisch beschäftigt haben. So waren die Eheleute Haverbeck auch unmittelbar an der Entstehung der Grünen beteiligt. Es war damals ein fundamentaler Richtungsstreit, ob eine ökologische, parlamentarische Vertretung eher von linker, sozialistischer Seite oder von heimatverbundener, rechter Prägung bestimmt sein sollte.

Über vierzig Jahre später wissen wir, welches Lager sich durchgesetzt hat. Man müsste die heutigen Grünen, denen bekanntlich kein Pädo-Krimineller aus den eigenen Gründertagen auch nur ansatzweise unangenehm ist, mal nach diesen Persönlichkeiten wie den Eheleuten Haverbeck und deren programmatischen Einfluss befragen. Man würde so manchen linken Vielschwätzer wohl zu einem ungewohnten, äußerst betretenen Schweigen bringen. Wie dann die letzten aber möglicherweise auch wichtigsten und mit Sicherheit sichtbarsten Wirkungsjahre verliefen, ist allgemein bekannt. Ein unbändiger Kampf für das Recht auf Meinungsäußerung, die Bereitschaft zum persönlichen Opfergang und dennoch eine unbeugsame Freundlichkeit und Lebensfreude sind es, die uns in Erinnerung an dieses reiche Leben bleiben. Ein Leben, das ganz und gar frei von Reue geblieben ist.