In Minenfeldern – Als deutscher Autor in der Inneren Emigration (Werner Bräuninger)
Autor: Michael P.
Es ist gleichermaßen Fluch wie Segen des Gelegenheits-Rezensenten, dass sich zu jeder Zeit ein größerer Bücherstapel auf seinem Schreibtisch türmt, als sich regelmäßig in angemessener Geschwindigkeit bewerkstelligen ließe. Mit seinen über 600 Seiten flößte mir Werner Bräunigers biographischer Rundumschlag in dieser Hinsicht doch erheblichen Respekt ein. Wie sich aber bereits nach wenigen Seiten erwies, war meine Befürchtung einer zwar erhellenden aber auch zwingend zeitaufwändigen, weil konzentrierten Lektüre völlig unbegründet. Im Gegenteil, Bräuninger schreibt derart erfrischend und kurzweilig, dass man seinen beeindruckenden Band regelrecht verschlingt, als sei es ein Thriller von Dan Brown.
Aus einer zutiefst persönlichen, biografischen Perspektive kommentiert er das Zeit- und Weltgeschehen seiner Lebensspanne. Beginnend mit seiner Gymnasialzeit in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern erwacht sein politisches Bewusstsein. Durch Höhen und Tiefen, berufliche Stationen und Romanzen, Reisen, Krisen und Wiedergeburten spannt sich ein festes Band durch das Leben des Sechzigjährigen. Es ist der unbedingte Wille in akribischer Autorenschaft Sachverhalte zu beleuchten, Standpunkte zu formulieren, eine tiefe und wehrhafte Haltung zu formulieren sowie immer wieder Mut zu machen – anderen, aber auch sich selbst. Sein frühes schriftstellerisches Wirken ist stark historisch geprägt. Es ist sein besonderes Verdienst als Erster überhaupt in wissenschaftlicher Ambition den vermeintlich monolithischen Block des Dritten Reiches zu demontieren. Präzise, unaufgeregt und immer im Dienst der Sache zeigt er auf, wie zutiefst heterogen der NS-Machtapparat in all seinen Verästelungen war. Wie divers und kontrovers die oppositionellen Strömungen innerhalb desselben wirkten. Dabei verfällt er weder in blinden Revanchismus, noch macht er sich Positionen des zeitgeistigen Lehrbetriebs zu eigen. Dass er den wohlfeilen Narrativen des Mainstreams zum Hitlerstaat argumentativ die Grundlage nimmt, wird ihm schlecht gelohnt. Es ist die große Tragik seines imposanten und wichtigen Wirkens, dass Bräuninger in über drei Jahrzehnten Autorenschaft nicht ansatzweise die verdiente Würdigung oder Wertschätzung zuteilwird.
Man merkt es seinen „Minenfeldern“ durchaus an, wie sehr ihn dieser Umstand kränkt, auch wenn er sich darüber immer im Klaren gewesen ist und es ihn nie abgehalten hat. Später in seiner Karriere wendet er sich der Belletristik zu und veröffentlicht eine Novelle und einen Roman, die wir beide an dieser Stelle besprochen haben. Insbesondere der Roman „Was wir lieben mussten“ zeugt erneut von Bräuningers messerscharfen – man darf ohne Übertreibung sagen – prophetischem Verstand. Kühn und mit nüchterner Leidenschaft zeichnet er das Bild einer echten deutschen Utopie. Einer nationalen Heldenreise, der sich der Heros als völkische Inkarnation aus der tiefsten Verzweiflung erhebt und den scheinbar unvermeidlich drohenden Untergang siegreich überwindet. Die Fähigkeit zu solchen erhebenden und anschlussfähigen Visionen ist kein Zufallsprodukt. Sie ist das Resultat aus Bräuningers jahrzehntelanger, messerscharfer Beobachtung des Politik-, Literatur- und Kulturbetriebs in Deutschland.
Mit großem Selbstbewusstsein, das man einem Geringeren als Arroganz auslegen würde, nimmt er seinen Platz unter den abendländischen Denkern ein. Er verweilt nicht in der Sphäre des abstrakt-philosophischen, sondern reißt sehr konkrete Handlungsfelder an, die er den politisch Wirkenden des rechten Lagers ins Gebetbuch diktiert. An zahllosen Stellen seiner Biographie blitzen gescheite Ansätze auf, um Verlorenes wettzumachen, Hehres zu bewahren und Schädliches zurück zu drängen. Diese Gedanken in ein ganzheitliches, konkretes Konzept und Gedankengebäude zu verdichten, ist sein erklärtes Ziel, wie er den Leser im Schlusswort wissen lässt.
Selten hat mich ein Buch so überrascht, so mitgerissen, in seiner ehrlichen Menschlichkeit so berührt und aller Sirenenrufe zum Trotz mit einem so tiefen Gefühl der Hoffnung auf ein besseres Morgen entlassen. Es wäre so sehr zu wünschen, dass die „Minenfelder“ die verdiente große Aufmerksamkeit weit über das rechte Lager hinaus erfahren würden. Es wäre Werner Bräuninger zu wünschen – aber mehr noch wäre es Deutschland und Europa zu wünschen.