Blutreben - Wolfserwachen

Blutreben – Wolfserwachen

Autor: Michael P.

Mit seinem im Sturmzeichen Verlag erschienen Erstlingswerk Blutreben – Wolfserwachen legt Wolfram Vierthaler einen durchweg gelungenen Roman vor. Nationale Belletristik ist nach wie vor ein dünn bestelltes Feld – leider. Eine rühmliche Ausnahme stellte hier beispielsweise vor einigen Jahren Rebellische Herzen aus der Textschmiede des Dritten Wegs dar. Eine Parallele zwischen beiden besteht darin, dass beide Bücher den Weg ihres Protagonisten in den nationalen Widerstand erzählen. Die Grundannahmen sind allerdings deutlich unterschiedlich.

Bei Blutreben steht keine klassische Heldenfigur im Mittelpunkt, die wir auf ihrem zwangläufigen Weg zur inneren und äußeren Blüte begleiten. Im Gegenteil: Hauptfigur Thilo ist zu Beginn eher ein Ritter von der traurigen Gestalt. Ein repräsentativer Vertreter einer Generation unambitionierter, tief gebeugter BRD-Sklavenseelen. Ein Mann ohne Ziele, ohne Freunde, ohne Wertschätzung - ein graues Zahnrad im Getriebe. Es ist ausgerechnet die Beerdigung seines Onkels, die eine unvorhersehbare Kette von Ereignissen in Gang setzt. Jener Onkel, den seine gutbürgerliche Familie seit Jahrzehnten geächtet hat, weil er eine Führungspersönlichkeit der nationalen Bewegung war. Und so gerät Thilo reichlich unfreiwillig in den Sog der Kameraden seines Verwandten.

Trotz anfänglicher Gegenwehr rutscht er tiefer und tiefer in eine Szene, die ihm als braven Mehrheitsbürger eigentlich suspekt ist. Eigentlich, denn es mehren sich Begegnungen und Geschehnissen, die ihn immer mehr an den wurmstichigen Propagandalügen zweifeln lassen, die sein Leben bis dato überschattet haben. Und so krempelt er nach und nach sein komplettes Leben um. Es entfaltet sich ein veritabler Thriller im nationalrevolutionären Gewand. Phasen atemloser Spannung unterbricht der Verfasser immer wieder mit ruhigen Passagen, in denen er seinen Protagonisten über ein verfehltes Sozial- und Wirtschaftssystem sinnieren lässt. Passagen, in denen wir aus seinen Augen Feigheit und Duckmäusertum erleben, aber im späteren Verlauf ebenso Gesten der Solidarität, des Zusammenhalts und der Kameradschaft. Dennoch bietet die Geschichte nur wenige Verschnaufpausen.

Die Handlung kulminiert sich in stets dramatischere Wendungen und gipfelt schließlich tragisch. Doch gemäß den ewig gültigen Gesetzen der klassischen Heldenreise vergeht Thilo nicht in der dunkelsten Stunde. Die Katastrophe transformiert ihn. Er geht stählern daraus hervor, die letzte Schlacke platzt von ihm in diesem Prozess ab und als neuer Mensch geht er dann seiner Zukunft entgegen. Darin lässt sich ein Gleichnis ziehen zum Werden, Vergehen und Wiederauferstehen des Volkes, für das der Protagonist prototypisch steht. Die Botschaft ist klar – es gibt Hoffnung, aber auch einen hohen Preis, eine tiefe Katharsis die es zu entrichten gilt, wenn diese Hoffnung auf ein Morgen bestehen soll.

Bei aller zugrundeliegenden Schwere, bedient sich Vierthaler einer sehr zeigemäßen Erzählweise. Mit enormen, zuweilen überbordenden Sprachwitz versteht er es, dass Unterhaltungselement seines Romans durchgängig hoch zu halten. Dialoge, die schon beinahe an einen Tarantino-Film erinnern machen die Lektüre gut verdaulich. Es liegt das große Verdienst des Buches darin, eine Brücke zu schlagen zu einer unpolitischen Leserschaft, für die die Hürde, sich mit nationalen Sachbüchern auseinander zu setzen, zu groß wäre. Die Normalisierung, die Entdämonisierung von nationalen Aktivisten, durch den Blick der Hauptfigur, ist für den Leser nachvollziehbar. Je nach persönlicher Weltanschauung bestätigt oder verändert sie im Idealfall seine Sicht. Und das wiederum stellt möglicherweise den ersten Schritt für eine neue Haltung dar.

Blutreben ist spannend und rührend, humorvoll und erzählerisch dicht. Der Roman hat Tiefgang, bietet moralisches Geleit und mutet auch zuweilen zu, in dem er mit kitschigen Handlungsstereotypen bricht. Er endet einigermaßen offen und weckt definitiv den Wunsch nach einer Fortsetzung. Dieses Buch eignet sich hervorragend auch als Geschenk an noch unpolitische Bekannte, Freunde und Angehörige.