„Rückständig oder unterschätzt?“ – Ein Gespräch mit Sonnwill über die geistige Welt der Germanen
Himmelsscheibe von Nebra
Sonnwill ist Archäologin und Kulturwissenschaftlerin. In diesem Interview mit Frank Kraemer spricht sie über ein nicht mehr haltbares Germanenbild von angeblich felltragenden und rückständigen Barbaren.
Frank: Sonnwill, in Schulbüchern und populären Darstellungen hört man bis heute oft, die Germanen seien gegenüber den Römern eine rückständige Kultur gewesen: ohne Städte, ohne Schrift, ohne große Bauwerke. Stimmt dieses Bild?
Sonnwill: Es ist ein sehr vereinfachtes und längst überholtes Bild. Ja, die Römer hatten Städte, Straßen, Aquädukte – beeindruckende materielle Kulturformen. Doch wenn wir von „Rückständigkeit“ sprechen, müssen wir fragen: Rückständig worin? Technisch? Staatlich? Spirituell? Astronomisch? Denn gerade die geistige und kosmologische Tradition Mitteleuropas wurde lange unterschätzt – und Fundorte wie Goseck und Nebra zeigen, dass hier Welten existierten, die den Römern in bestimmter Hinsicht weit voraus waren. Wenn man genau hinschaut, zeigt die Archäologie: Die Germanen waren nicht rückständig – sie waren anders. Fundplätze wie Goseck, Nebra, Pömmelte, der Sonnenwagen von Trundholm und die Felsritzungen von Bohuslän belegen ein hochentwickeltes spirituelles Weltbild, das man heute lange unterschätzt hat.
Frank Kraemer: Lass uns mit Goseck beginnen. Was widerspricht hier der Vorstellung vom „primitiven Norden“?
Sonnwill: Das Sonnenobservatorium von Goseck ist rund 7000 Jahre alt – viel älter als die römische Antike.
Die Tore sind präzise auf den Sonnenauf- und Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende ausgerichtet.
Die Anlage zeigt:
· astronomisches Wissen,
· kultische Bedeutung,
· mathematische Präzision
· und ein Verständnis zyklischer Zeit.
Das ist keine „Waldkultur“. Das ist kosmische Architektur.
Frank Kraemer: Und wie fügt sich Pömmelte ein, dieses sogenannte „deutsche Stonehenge“?
Sonnwill: Pömmelte, etwa 4300 Jahre alt, ist eine monumentale Ritual- und Himmelsanlage der nordmitteleuropäischen Bronzezeit. Auch hier finden wir astronomische Ausrichtungen, rituelle Gruben, Opferplätze, Zeremonialbereiche. Gemeinsam mit Goseck und dem Mittelberg von Nebra entsteht ein heiliger Horizont, der zeigt, wie wichtig der Lauf der Sonne für diese Kulturen war.
Frank Kraemer: Dann gibt es die Himmelsscheibe von Nebra – ein Fund, der weltweit Beachtung fand.
Sonnwill: Und das aus gutem Grund: Die Himmelsscheibe von Nebra (ca. 1600 v. Chr.) ist die älteste konkrete Darstellung des Himmels überhaupt. Sie zeigt:
· Sonne oder Vollmond
· Mondsichel
· die Plejaden
· Goldbögen für die Sonnenwenden
· und die sogenannte „Nachtbarke“
Es ist ein astronomisches Werkzeug, ein sakrales Objekt und eine Weltkarte in einem. Ihre rituelle Niederlegung auf dem Mittelberg zeigt, dass man Himmel, Erde und Ritual untrennbar sah.
Felszeichnungen Tanumshede
Frank Kraemer: Wie setzen Goseck, Pömmelte und Nebra das Bild der späteren Germanen in ein neues Licht?
Sonnwill: Sie zeigen, dass die Germanen nicht aus dem Nichts kamen. Ihre Weltvorstellungen – heilige Bäume, der kosmische Weltenbaum, zyklische Zeiträume, Sonnenwendrituale – wurzeln tief in Jahrtausende alten Traditionen Mitteleuropas. Die Germanen hinterließen zwar weniger Monumente aus Stein als die Römer, aber sie hatten:
· komplexe Naturreligionen,
· präzise Kenntnisse der Jahreszeiten,
· heilige Orte wie Haine, Quellen, Moore,
· Mythen, die den Himmel als lebendigen Kosmos deuteten.
Ihre Spiritualität war nicht schriftlich, aber sie war reich, tief und eng mit der Landschaft verbunden. Man darf nicht vergessen: Kultur ist nicht nur, was aus Stein besteht – sie ist auch, was im Denken, Fühlen und Ritual gelebt wird.
Frank: Ich würde gern noch über den Sonnenwagen von Trundholm sprechen. Wie passt er in dieses Bild?
Sonnwill: Der Sonnenwagen von Trundholm (ca. 1400 v. Chr.) ist ein kunstvoll gearbeiteter bronzener Wagen, der die Sonnenscheibe darstellt. Obwohl aus der nordischen Bronzezeit, steht er in einer Tradition, die später in germanischen Mythen (z. B. Sól, die Sonnengöttin, die einen Wagen über den Himmel zieht) wiederkehrt. Ein Pferd zieht die goldene Sonnenscheibe auf einem Wagen – ein Symbol, das zeigt:
· Die Sonne ist eine göttliche Macht.
· Sie reist über den Himmel, geführt von einem heiligen Tier.
· Der Kosmos hat Bewegung, Rhythmus und beseelte Ordnung.
Dieser Mythos – die Sonne wird transportiert – ist später in vielen germanischen und nordischen Überlieferungen wiederzufinden. Der Sonnenwagen ist also ein Bindeglied zwischen Bronzezeit und germanischer geistiger Welt.
Frank Kraemer: Und was sagen uns die Felsritzungen von Bohuslän in Schweden?
Ringheiligtum Pömmelte
Sonnwill: Sie sind wie ein offenes Bilderbuch der bronzezeitlichen Religion des Nordens: Menschen, Tänzer, Prozessionen, Sonnenräder, Waffen, und vor allem Schiffe – in hunderten Varianten. Schiffe waren in der nordischen Bronzezeit heilige Symbole:
Sie trugen die Sonne über den Himmel, die Toten ins Jenseits, die Götter durch die Welt.
Auf manchen Darstellungen verbindet sich das Schiff mit einem Sonnensymbol – wie auf der Himmelsscheibe. Diese Rituale und Vorstellungen lebten später im germanischen Denken weiter.
Frank Kraemer: Das klingt nach einer recht lebendigen Tradition. Hatten die germanischen Stämme daran Anteil?
Sonnwill: Sehr stark. Viele Elemente flossen über Jahrtausende fort:
· Sonnenkulte und Sonnenwendfeiern
· die Bedeutung heiliger Orte in der Landschaft
· heilige Bäume und Haine
· Schiffe als sakrale Symbole
· die Idee einer beseelten Natur
· zyklisches Weltenverständnis
Die Germanen waren nicht „ohne Kultur“, sie waren Teil eines uralten nordeuropäischen Kulturstroms.
Frank Kraemer: Wie spiegeln sich diese Traditionen im Kontakt mit den Römern?
Sonnwill: Der Handel und interkulturelle Verbindung waren intensiv:
• Der Bernsteinhandel verband Nord- und Mitteleuropa seit der Bronzezeit mit dem Mittelmeerraum.
• Römische Luxusgüter in Fürstengräbern zeigen, dass germanische Eliten tief in römische Wirtschafts- und Prestigesysteme eingebunden waren.
• Römische Metallgefäße, Münzen und Fibeln fanden sich als Beigaben in germanischen Gräbern.
• Germanische Söldner dienten in römischen Auxiliartruppen (Hilfseinheiten) und kehrten mit Geld, Erfahrung und römischer Kultur zurück.
• In den Grenzregionen an Rhein und Limes entwickelten sich hybride Kulturen: Siedlungen wie Waldgirmes zeigen germanische Bevölkerung mit römischer Lebensweise.
Frank Kraemer: Und wie sieht es in Skandinavien aus, gibt es dort noch Spuren des Julfestes?
Sonnwill: Ja, dort heißt Weihnachten bis heute „Jul“, und man wünscht sich „God Jul“. Typisch ist der Julbock aus Stroh, der früher böse Geister vertreiben sollte und heute Geschenke trägt. Es gibt auch den Brauch des Julklotzes – ein großer Holzstamm, der während der zwölf Rauhnächte brannte. Seine Asche galt als segensreich und wurde auf Felder gestreut.
Frank Kraemer: Wie verändert dieser neue Blick die Begegnung zwischen Germanen und Römern?
Sonnwill: Die Römer trafen nicht auf „Wilde“, sondern auf Menschen mit einer anderen Zivilisationsform. In Rom dominierte:
• Recht
• Staatlichkeit
• Technik
• Urbanität
Bei den Germanen hingegen dominierte:
• Naturverbundenheit
• Spiritualität
• mündliche Überlieferung
• zyklisches Denken
• Clanstrukturen
Das führte zu Missverständnissen – und zur römischen Neigung, andere Kulturen nach ihren eigenen Maßstäben zu bewerten. Doch Tacitus etwa bewunderte die Germanen für ihre Sitten, ihre Freiheit und ihre religiöse Ernsthaftigkeit.
Frank Kraemer: Kannst Du uns noch etwas zur Götterwelt der Germanen sagen, wie sie aus den mittelalterlichen isländischen Eddas und Sagas überliefert ist?
Sonnwill: Die germanische Religion war polytheistisch und von einer Vielzahl regionaler Götter geprägt. Zentral waren die Gottheiten Wodan/Odin, Donar/Thor, Frey und Freya. Diese standen für konkrete Kräfte und Lebensbereiche – Krieg, Fruchtbarkeit, Sturm, Weisheit, Recht – und spiegelten zugleich eine Welt, in der Natur und Übernatürliches eng miteinander verwoben waren.
Odin etwa war nicht nur Kriegsgott, sondern auch Gott der Ekstase, der Dichtkunst und der Magie. Die Vorstellung, dass Macht durch Wissen und Opfer erlangt wird (wie Odins Selbstopfer am Weltenbaum), zeigt eine komplexe religiöse Denkweise, in der Weisheit und spirituelle Erfahrung zentrale Rollen spielten.
Die germanische Weltvorstellung war von einer räumlichen Ordnung geprägt, wie sie später in den altnordischen Mythen im Yggdrasil-Modell erscheint: verschiedene Sphären, die durch Übergänge verbunden sind, bevölkert von Göttern, Menschen und übernatürlichen Wesen. Im alltäglichen Glauben der germanischen Stämme waren diese Bereiche durch Rituale adressierbar – Opfer an Quellen, Seen, Wäldern und Mooren dienten der Kommunikation mit den Kräften jenseits der sichtbaren Welt.
Frank Kraemer: Ein letzter Blick in die Gegenwart: Was bedeuten diese Erkenntnisse für uns Deutsche heute?
Sonnwill: Sie erinnern uns daran, dass Deutschland nicht nur ein Industrieland ist, sondern eine Landschaft mit einer uralten geistigen Tiefe. Wir leben in einer Zeit der Beschleunigung und der Digitalisierung. Doch im tiefsten kulturellen Untergrund liegt etwas anderes:
• das Gespür für den Jahreskreis,
• die Ehrfurcht vor Wäldern,
• der Sinn für das Geheimnisvolle,
• das Bedürfnis nach spiritueller Verwurzelung.
Deutschland könnte viel von dieser alten, leisen Weisheit gebrauchen – nicht als bloße Rückkehr, sondern als Ergänzung zur Moderne. Denn nur eine Gesellschaft, die ihre Seele kennt, wird ihre Zukunft mit innerer Stabilität gestalten.
Frank Kraemer: Sonnwill, vielen Dank für diese faszinierende Reise durch unsere Vergangenheit